Offener Brief zur Schulpolitik in Gleichen

Schulpolitik ist leider gut geeignet, Emotionen zu schüren. Verknüpft mit der Botschaft regionaler Bevorzugung bzw. Benachteiligung, lässt sich gerade in Zeiten von Wahlkämpfen sehr leicht Stimmung machen. Aber worum geht es eigentlich?

Bis November 2020 haben die Gemeinderatsmitglieder, Schulleitungen und Elternvertreter*innen in der Gemeinde Gleichen in einem sehr schwierigen Prozess versucht, angesichts sinkender Schüler*innenzahlen und des erheblichen Investitionsstaus eine Lösung für die gesamte Gemeinde Gleichen zu finden. Mit der bereits vollzogenen Zusammenlegung der Schuleinzugsbereiche Reinhausen und Diemarden wurde eine Schule geschlossen (Reinhausen). Die Eltern erwarten zurecht, dass der dabei zugesagte gemeinsame Schulstandort an heutige und zukünftige Bedürfnisse angepasst wird.

Mit den 4 verbliebenen Schulen (Kerstlingerode, Bremke, Diemarden und Groß Lengden) und dem geplanten Ausbau von Diemarden und Kerstlingerode zu zweizügigen Schulen mit dann 6 Klassen pro Jahrgang wäre je Jahrgang Platz für max. 156 Kinder. Unterstellt man, dass in einem Jahrgang 10 Kinder mit erhöhtem Förderbedarf eingeschult werden (Kinder mit Förderbedarf werden doppelt gezählt), wäre Platz für 146 Kinder. In den kommenden fünf Jahren werden voraussichtlich im Mittel aber nur 76 Kinder eingeschult. Damit wären weniger als 13 Kinder in den Klassen (Mittelwert). Selbst unter der Annahme, dass pro Jahrgang 10 oder 20 Kinder mehr eingeschult werden, würde das für jede Klasse eine Besetzung mit nur jeweils 14 oder 16 Kinder bedeuten.

Auch wir Grünen wollen möglichst kleine Klassen und möglichst kurze Wege zu den Schulen. Wir wollen allerdings auch, dass unsere Schulen Inklusion vollständig umsetzen, für eine große Spannbreite pädagogischer Konzepte Raum bieten, möglichst wenig Energie verbrauchen und auf die Herausforderungen der Klimafolgenanpassung vorbereitet sind. Unter den genannten Prämissen haben wir für die einzügige Sanierung der Schule in Kerstlingerode gestimmt. Wir befürworten an dem Standort eine Schule, die den obigen Anforderungen entspricht und das Potenzial hat, auch zwei zweizügige Jahrgänge aufzunehmen (faktische 1,5-Zügigkeit wie bisher). Wir halten es angesichts der Lage auf dem Baumarkt für Augenwischerei, eine erste Kostenschätzung, die auf ca. 13 Millionen für den zweizügigen Neu- bzw. Ausbau und die Erweiterung hinausläuft, auf 12 Millionen zu kürzen (Entscheidung SPD u. FWG) und weitere zu erwartende Kostensteigerungen auszublenden. Außerdem ist zu erwarten, daß die Entscheidung, Kerstlingerode zu einer zweizügigen Schule auszubauen, angesichts obiger Zahlen Einfluss auf die Standorte Bremke und Groß Lengden haben wird. Der Gemeinderat muss die ganze Gemeinde im Blick haben. Der Beschluss von SPD und FWG lässt Fragen offen:

1. Gibt es eine Standortgarantie für alle Schulstandorte?

2. Wie soll mit den Schuleinzugsbereichen bei sich verändernden Zahlengrundlagen umgegangen werden?

3. Sollte die Schule in Bremke doch geschlossenen werden müssen, welchem Schuleinzugsbereich sollen die Kinder zugeordnet werden?

4. Auch an den Schulen in Groß Lengden und Bremke sind erhebliche Investitionen erforderlich. Ist geplant, diese in vollem Umfang durchzuführen und in Groß Lengden den gewünschten Werkraum anzubauen?

5. Wie wird garantiert, dass durch ausreichend Personal an allen Schulen eine hohe Qualität gesichert ist?

Wir Grünen nehmen das Ganze in den Blick und sehen die Gemeinde in dieser Fragestellung weiter auf einem schwierigen Weg. Nur wenn es gelingt, die aufgeworfenen Fragen gemeinsam zu klären, kommen wir auch zu nachhaltigen Beschlüssen. Wir jedenfalls sind bereit, weiter an einer tragfähigen gemeindeweiten Lösung zu arbeiten.

 

Vorstand, Fraktion und weitere Aktive Bündnis 90/Die Grünen

OV-Gleichen, 9.9.2021

Stellungnahme zum offenen Brief des Schulelternrates

Wir fordern, dass die Entscheidung von SPD und FWG, die Grundschule in Kerstlingerode für 6 Millionen Euro zweizügig zu sanieren, rückgängig gemacht wird. Die aktuell vorhandenen Räumlichkeiten geben keine volle Zweizügigkeit mit Ganztagsangebot für alle Schüler*innen her. Es wären dafür erhebliche Um- und Anbauten mit Kosten zwischen 6 und 8 Millionen Euro erforderlich.

Die Grüne Fraktion hat sich stets für den Erhalt, die Sanierung, die Modernisierung und die Herstellung der Barrierefreiheit des vorhandenen Gebäudes ausgesprochen. Mit einem leicht ergänzten Raumangebot lassen sich 6 Klassen vorhalten, um im Bedarfsfall Klassen teilen zu können. So wird in Kerstlingerode ein angemessenes Raumangebot geschaffen bei gleichzeitiger Sicherstellung des Grundschulstandorts in Groß Lengden. Die Gemeinde Gleichen bietet damit Platz für 108 Schüler*innen je Jahrgang und sogar noch die Option, Spitzen über das Raumangebot (6 Klassenräume) in Kerstlingerode abzudecken.

Wir sehen hier ein Einsparpotenzial von 3 Millionen Euro, das an anderer Stelle, z. B. beim Krippenneubau dringend benötigt wird. Der zweizügige Neubau der Grundschule in Diemarden ermöglicht mittelfristig die Aufnahme der Kinder aus Bremke und Ischenrode.

Unsere ausführlichen Positionen zum Thema Bildung und Betreuung bitte hier nachlesen.

Rede von Stefan Heinemann, Fraktionsmitglied der Grünen und Vorsitzender des Ausschusses Schulen und Kindertagesstätten, während der Gemeinderatssitzung am 16. Februar 2021

„Die Schulentwicklungsplanung in der Gemeinde Gleichen verlief in den letzten Jahren weitestgehend in abgestimmten Schritten mit allen Beteiligten und in Abstimmung mit dem Arbeitskreis Schulentwicklung. Bis Dezember 2020 gab es einen gemeinsamen Weg, der im Wesentlichen folgendermaßen aussah:

Der Neubau einer zweizügigen Schule in Diemarden, der langfristige Erhalt der Gartetalschule, der mittelfristige Erhalt der Grundschule in Groß Lengden und der Erhalt der Grundschule in Bremke, bis durch einen zweizügigen Neubau in Diemarden ausreichende und gut ausgestatte Kapazitäten zumindest für einen Großteil der Schülerinnen und Schüler aus dem Einzugsbereich der Grundschule Bremke entstanden sind.

Diesen gemeinsamen Weg haben SPD und FWG mit ihrem Antrag, den sie gegen die Stimmen von CDU und Grünen beschlossen haben, verlassen.

Neu an diesem Antrag ist die zweizügige Sanierung und Erweiterung der Gartetalschule mit einem Kostenvolumen von voraussichtlich über sechs Millionen Euro.

Ohne jede Not wurde auch die Festschreibung des derzeitigen Einzugsbereiches der Gartetalschule beschlossen, während zeitgleich behauptet wurde, dass die Motivation für diese kostspielige Sanierung und Erweiterung eine Gleichbehandlung aller Kinder in der Gemeinde sein soll. Die Schaffung von zwei vollständig zweizügigen Schulbauten kann bei dem derzeitigen und zu erwartenden Kinderzahlen nur bedeuten, dass kurzfristig die Grundschule in Bremke geschlossen werden muss und auch der Fortbestand der Grundschule in Groß Lengden, die aktuell energetisch und inklusionsgerecht saniert wird, in wenigen Jahren fragwürdig wird.

Diesen Beschluss fassen dieselben Fraktionen, die den Erhalt und ebendiese Sanierung der Groß Lengdener Schule vorangetrieben haben. Nicht äußern tun sie sich zum Einzugsbereich der Grundschule Bremke, dessen Änderung mit Schließung der Grundschule sie nicht benennen.

Sie schaffen aber offensichtlich Fakten, bei deren vernünftiger Fortsetzung der Schulentwicklungsplanung unausweichlich werden wird, dass der Einzugsbereich für die Kinder aus Bischhausen, Ischenrode und Bremke – die alle gemeinsam in den Kindergarten in Bremke gehen – dann auf diese beiden zweizügigen Schulen aufzuteilen sind. SPD und FWG scheinen sich in dieser Frage auch nicht einig zu sein. Während die einen zumindest in den Beratungen offen sagen, dass die Grundschule Bremke geschlossen werden wird, bleibt die FWG bei der nicht mal im Ansatz nachvollziehbaren Aussage, dass auch die Bremker Schule erhalten bleiben soll. So wünschenswert viele Schulen mit kleinen Klassen auch sein mögen, die Kosten pro Kind würden derartig aus dem Ruder laufen, dass wir Grüne uns fragen, was mit unseren Ratskolleginnen und Kollegen passiert ist, dass für sie die Kostenfrage plötzlich überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Auch die Versorgung mit Lehrerinnen und Lehrern für dann 6 mögliche Klassen mit Kinderzahlen zwischen 10 und 15 Kindern halten wir zwar für komfortabel, aber auch für unrealistisch.
Die Grünen sehen neben der Planung des zweizügigen Neubaus in Diemarden zwar dringendem Bedarf für die Sanierung der Gartetalschule, die Erweiterung zur vollen Zweizügigkeit mit Mensa und entsprechend großem Ganztagsbereich entspricht aber nach den aktuell vorliegenden Zahlen für die nächsten zehn Jahre nicht dem Bedarf.

Eine unseres Erachtens durchaus vertretbare Änderung der Einzugsbereiche in Kombination mit dem Neubau in Diemarden und den bereits vorhandenen Kapazitäten würde es der Gemeinde Gleichen ermöglichen, qualitativ hochwertige Ganztagsgrundschulen anzubieten und die vorhandenen zusätzlichen Räume in Kerstlingerode bei entsprechendem Bedarf auch ohne Sanierung für eine volle Zweizügigkeit zu nutzen. Zumindest die von der Verwaltung beauftragten Architekten das Berliner Beratungsbüros für Kommunalbauten äußersten keine Bedenken gegenüber einer weiteren Nutzung bei derzeitigem Standard.

Aus unserer Sicht werden hier vermeintliche Interessen von Dörfern bedient, die sich nicht vorstellen können, dass ihre Kinder auch mal mit Kindern aus anderen Dörfern der Gemeinde in eine Grundschule gehen könnten. Dieses Denken ist in anderen Bereichen, wie etwa beim FC Gleichen, seit Jahren überholt und endet spätestens mit dem Besuch der weiterführenden Schule.

Bezahlt werden soll das Ganze von allen in der Gemeinde, und das viele Geld wird dann nicht für pädagogische Qualität, sondern für die Schaffung von nicht benötigter Bausubstanz ausgegeben, wie wir es in der Gemeinde noch nicht erlebt haben.

Aus unserer Sicht gäbe es wesentlich günstigere Möglichkeiten, die Schulentwicklungsplanung zukunftsfähig zu gestalten. Unsere Vorschläge sind bekannt. Da wir diesem Vorgehen der Schulentwicklungsplanung und den dahinter stehenden Investitionen nicht zustimmen, werden wir auch diesem Haushalt nicht zustimmen."

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